Canyonwandern

Auf Archjagd

Liebe Freunde des amerikanischen Südwestens,

als ich vor Jahren zum ersten Mal den Begriff "arch hunting" las, da musste ich unwillkürlich schmunzeln. Ja, wie jagt man denn diese tonnenschweren Kolosse, die sich zudem nicht von der Stelle bewegen? "Jagen", ob nun mit Gewehr oder Kamera, assoziierte ich mehr mit scheuem Wild als mit geomorphologischen Kuriositäten. Allerdings beschränkte sich meine damalige Kenntnis von Steinbögen auf Eindrücke von einigen Wanderungen im Arches National Park, wo bequeme Pfade die größten Arche leicht zugänglich machen. Dass dort bis heute mehr als 2100 Arche dokumentiert wurden, war mir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht bekannt.
Mit zunehmender Beschäftigung mit unerschlossenen Wildnisgebieten im südlichen Utah bekam dann "arch hunting" eine neue Dimension für mich. Denn nun gerieten auch abgelegene, unzugängliche, nicht so leicht zu findende und weitgehend unbekannte Arche als Ziele von Wanderungen ins Visier, um in der Jägersprache zu bleiben. Die schieren Ausmaße eines Arches begannen mich aber immer weniger zu interessieren. Stattdessen gewann die Erkenntnis an Bedeutung, dass jeder Arch etwas Einmaliges ist und für sich genommen werden sollte, statt ihn einem vergleichenden "Rating" zu unterwerfen. Zur Verdeutlichung möchte ich von einer Wanderung im Norden Arizonas erzählen.




Es war mein mittlerweile fünfter Besuch im nördlichen Teil der Coyote Buttes. Einige kleinere Locations hatten sich angesammelt, die ich zum Zwecke besserer Bilder noch einmal besuchen wollte, bzw. an denen ich früher unwissentlich vorbeigelaufen war. Auf dem Rückweg zum Wire Pass stoppte ich in dem Wash, der ein paar hundert Meter südlich des Trail Registers verläuft. Hunderte von Fußstapfen führten zurück zum Trailhead. Hier wollte ich einen Abstecher machen, denn bei der häuslichen Vorbereitung hatte ich auf der Karte (Pine Hollow Canyon Quadrangle) einen Arch eingezeichnet gefunden, den ich bislang noch nie auf Bildern gesehen hatte. Ich wandte mich also nach links, nahm den ersten Abzweig rechts und folgte dem Wash in Richtung Südwesten. Hier gab es nun überhaupt keine Fußabdrücke mehr im Sand. Offensichtlich hat nach dem Besuch der Wave kaum noch jemand Interesse an einem Felsbogen. Friedlich und still lag die Wüstenlandschaft in der Nachmittagssonne. Nachdem ich meinte, etwa einen km gegangen zu sein, stellte ich fest, dass der Wash sich verzweigte und die Gegend unübersichtlich wurde. Irgendwo hier musste sich der Arch verstecken. Das GPS sagte mir, dass ich etwas zu weit nordwestlich war. Ich korrigierte meinen Kurs, doch der Arch war immer noch nicht zu sehen. Nach ein paar weiteren Schritten zog ich noch einmal die Karte zu Rate. Hier musste er doch irgendwo sein. Ich schaute auf ... und da war er! Was für ein hübscher, kleiner Doppelarch! Wie lange hatte er wohl schon keinen Besuch mehr abgestattet bekommen? Um die Größenverhältnisse zu veranschaulichen, fotografierte ich mich mit Hilfe von Stativ und Selbstauslöser unter dem Felsbogen, nahm mit dem GPS-Gerät die genauen Koordinaten auf (04 09 607 East, 40 96 291 North, NAD 27) und machte mich zufrieden auf den Heimweg.
Natürlich sind nur die allerwenigsten Arche auf Karten verzeichnet, doch zum Glück gibt es noch andere Informationsquellen. Den Standard setzt die Website der Natural Arch and Bridge Society (www.naturalarches.org), auf der man sich Bilder von Arches aus der ganzen Welt anschauen kann und viele interessante Informationen erhält. Aber auch einige Privatpersonen haben fleißig Arche gejagt und schöne Websites damit aufgebaut, z.B. Verena Jung & Gunter Welz (www.archhunter.de).
Sehr nützlich sind auch einige spezielle Monographien, die sich mit dem Thema "Arches" befassen. Dazu gehört z. B.: Jens Munthe: Arches of the Escalante Canyons and Kaiparowits Plateau, Grand Staircase - Escalante National Monument. First Edition, Arch Hunter Books, Utah, USA 2002.
Bei all der Faszination, die Arche auf (zumindest einige) Menschen ausüben, ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich auch die Stars unter den Landschaftsfotografen dieses Themas annehmen. Ein durchaus empfehlenswerter Bildband ist: David Muench: Windstone: natural arches, bridges, and other openings. Graphic Arts Center Publishing. Portland, Oregon, USA, 2004.
Manch einer wird sich nun vielleicht fragen, ob denn heute bereits alle Arche gefunden und beschrieben sind. Zur Beantwortung dieser Frage, schauen wir uns mal die zeitliche Entwicklung der Zahl der bekannten Steinbögen im Arches N.P. an (zitiert nach Jens Munthe, s.o.): Vor 1973: ca. 50, 1973: 124, 1988: 527, 1991: 1374, 1998: 2100. Damit dürfte klar sein, dass es auf dem Colorado Plateau noch viele unbekannte Arche geben sollte. Ob allerdings irgendwo in einem versteckten Winkel ein zweiter Landscape Arch existiert, das wage ich denn doch zu bezweifeln. Wer sich nun auf die Suche machen will, sollte allerdings noch eines wissen: Die lichte Weite des Arches muss in mindestens einer Dimension drei Fuß betragen. Zur Ausrüstung des ambitionierten Archjägers gehört also neben dem GPS-Gerät auch ein Zollstock oder dergleichen.






Nach Felsbögen kann man natürlich nicht nur im amerikanischen Südwesten suchen, sondern auf der ganzen Welt. Allerdings scheint die Verteilung über unseren Planet recht unterschiedlich zu sein. Viele absolut phantastische Arche findet man z. B. in der zentralen Sahara (Libyen, Algerien, Niger, Tschad), die ich in den letzten Jahren wegen ihrer großartigen Naturwunder immer wieder besucht habe. Leider gehört sie nicht gerade zu den sichersten Reisezielen ...

Weniger problematisch ist da schon Venezuela, wo es im Südosten, an der Grenze zu Brasilien und Guayana, die berühmten Tafelberge gibt. Einer dieser Tafelberge ist der Kukenan Tepui, der auf einer sehr überschaubaren Fläche eine überwältigende Zahl von (allerdings recht kleinen) Felsbögen beherbergt. Bekannt gemacht wurde das aber erst im Jahre 2003 durch Richard Fischer, einen Journalist, Fotograf, Schriftsteller, Verleger, Hobbywissenschaftler und Abenteurer aus Tucson / Arizona. Richard ist ein ausgewiesener Experte für Canyons, doch manchmal begibt er sich auch auf Abwege. Als er dann 2003 erst in den letzten Stunden eines mehrtägigen Aufenthalts auf dem Kukenan Tepui die beste Stelle entdeckte, da wollte er unbedingt noch einmal dorthin zurück. Im Januar 2004 begleiteten meine Frau und ich ihn auf einem erneuten Erkundungstrip in die „Lost World“. Trotz einer Reihe widriger Umstände fanden wir eine Menge neuer Arche. Viele davon sind bizarrer als alles, was bislang bekannt geworden ist. Ein besonders interessanter Arch ist eigentlich ein großer Felsblock, der auf drei spindeldürren Stelzen ruht, die man an ihren dünnsten Stellen mit Daumen und Zeigefinger umfassen kann. Dieses statische Wunderwerk wurde von uns daher auf den Namen Spindle Arch getauft.



Ich hoffe, dass ich Euch mit diesem Beitrag die "Archjagd" ein bisschen näher bringen konnte und verabschiede mich bis zum nächsten Mal mit einem stilechten ... Weidmannsheil!

Peter Felix Schäfer (www.canyonwandern.de)