Canyonwandern

Kurs halten!

Liebe Freunde des amerikanischen Südwestens,

wie man sich wohl fühlt wenn man nach mehr als 12 Stunden Querfeldeinwanderung völlig dehydratisiert und erschöpft in der Dämmerung in einen Canyon absteigt und dann feststellt, dass es der falsche ist? Nachzulesen ist das in einem glänzend geschriebenen und schonungslos offenen Bericht von Roger A. Jenkins (www.twohikers.org) über die Paria-Hackberry Canyon Traverse.
Da wir alle ja eher dazu neigen, die Welt unsere "Heldentaten" statt unsere Misserfolge wissen zu lassen, darf man wohl mit einiger Berechtigung annehmen, dass Probleme mit Routenwahl und Orientierung im Gelände gar nicht so selten sind. Gerade für die noch wildnisunerfahrenen Wanderer können sie eine beträchtliche Hemmschwelle darstellen und sie von manch einer weglosen Tour zurückschrecken lassen. Das aber muss nicht sein! Ausgestattet mit dem nötigen Basiswissen kann jeder - umsichtige Planung und gute Vorbereitung vorausgesetzt - das "Abenteuer Wildnis" in Angriff nehmen. Um den Einstieg ein bisschen zu erleichtern, habe ich hier ein paar Tipps zusammengestellt.


Von elementarer Wichtigkeit ist natürlich eine gute Karte. Hier gilt ganz einfach, dass die genaueste, die es gibt, gerade gut genug für uns ist. An den 7.5 Min. Topo Maps des USGS (Maßstab 1:24000) führt also kein Weg vorbei! Man erhält sie in Ranger Stationen, Besucherzentren und Outfitter-Läden. Hier zu sparen, hieße am falschen Platz sparen. Karten mit gröberem Maßstab sind zwar gut, um einen Überblick zu gewinnen, auf Wanderungen aber einfach zu ungenau.
Benutzer von Satelliten-Navigationsgeräten werden bedauern, dass das UTM-Grid (s.u.) auf den Topo Maps nicht durchgezogen, sondern nur durch kleine Striche am Rand angedeutet ist. Man sollte daher am besten gleich nach dem Kauf mit Bleistift und langem Lineal diese lästige Arbeit nachholen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich das ungemein lohnt!

Von verschiedenen Firmen (National Geographic, Maptech ...) gibt es die Topo Maps der einzelnen Bundesstaaten auch digitalisiert zu kaufen, so dass man sich schon zu Hause umfassend vorbereiten kann. Wenn man sich eine Karte ausdruckt, dann am besten gleich mit UTM-Grid und eingezeichneten Wegpunkten bzw. einer ganzen Route. Ich mag solche Ausdrucke sehr, denn sie passen zusammengefaltet in die Hemdtasche und sind dann schnell greifbar. Trotzdem habe ich im Rucksack immer zusätzlich die gefaltete Topo Map, um auch weiter entfernte Landmarken identifizieren zu können.



Genauso wichtig wie eine gute Karte ist ein guter Kompass. Auch hier sollte man nicht sparen! Ich würde zu einem Spiegelkompass raten, mit dem man Landmarken sehr genau anpeilen kann.
Neben Karte und Kompass gibt es noch ein weiteres einfaches Hilfsmittel, das leider viel zu selten benutzt wird: Ein kleines Notizbuch! Es ist häufig sehr nützlich, sich markante Punkte, an denen man vorbeikommt, zu notieren, am einfachsten natürlich die GPS-Koordinaten. Auch die Uhrzeit und in welche Richtung man von dort gegangen ist, sollte festgehalten werden. Mit solchen Aufzeichnungen wird es sehr erleichtert, nachträglich eine Route zu rekonstruieren, bzw. auf dem Hinweg wieder zurückzufinden.
Sind Hin- und Rückweg identisch, so hilft ein gelegentlicher Blick zurück, sich später zurechtzufinden. Sehr nützlich kann der Bau von Steinmännchen sein. Man sollte sie aber auf dem Rückweg wieder zerstören, um nachfolgenden Wanderern nicht das Wildnisgefühl zu nehmen.



Viele, viele Generationen von Wanderern haben gelernt, mit diesen Hilfsmitteln auszukommen. In unübersichtlichem Terrain aber, wo es keine offensichtlichen Landmarken gibt, wird das genaue Navigieren manchmal schwierig. Ich hatte vor Jahren auch mal so ein Erlebnis ...

Die Wüstenlandschaft war wunderschön und doch konnten wir sie nicht richtig genießen. Seit etwa drei Stunden gingen wir nun schon mit dem Kompass in der Hand einfach nur nach Norden. Mühsam war das Queren von sandigen Passagen und ausgetrockneten Bachläufen. Manchmal mussten Hügel umgangen werden, um nicht zu viel Kraft zu vergeuden. Die Sonne hatte sich inzwischen bedenklich dem Horizont genähert und unser Wasservorrat war auf einen knappen halben Liter zusammengeschrumpft. Wo genau wir uns befanden, konnten wir nicht sagen und mittlerweile ließ sich auch der Gedanke an ein unfreiwilliges Biwak in der Wüste nicht mehr verdrängen. Vor uns lag wieder mal ein Hügel, der aber die anderen in dieser Gegend deutlich überragte. Wir beschlossen ihn zu besteigen. Als wir oben waren suchten wir mit dem Fernglas die Gegend ab. Zu unserer großen Erleichterung sahen wir unser Auto in etwa einem km Entfernung in der Sonne blitzen. Vor Stunden waren wir etwa 500 - 700 m zu weit nach Osten vom Kurs abgekommen. Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Auto an, müde, zufrieden aber auch nachdenklich.
Ganz unfreiwillig durchquerten wir bei dieser Wanderung eine Gegend von bemerkenswerter Schönheit und im Jahr darauf verbrachten wir zwei ganze Tage damit, sie zu erforschen. Trotz allem war diese Tour aber auch eine Lehre für mich. Seitdem besitze ich ein GPS-Gerät und habe es samt Ersatzbatterien immer im Rucksack.



Zum Thema GPS habe ich schon ganz unterschiedliche Meinungen gehört. Das Spektrum reicht von "überflüssiger Ballast" bis zu "ein Geschenk des Himmels". Ich selber bin der Ansicht, dass es eine sehr sinnvolle Ergänzung (nicht Ersatz!) der oben angeführten klassischen Mittel zur Orientierung ist. Durch GPS kann man Zeit sparen und zusätzliche Sicherheit gewinnen, und zwar um so mehr, je unübersichtlicher die Gegend ist. Außerdem kann man einen Ort durch die Angabe seiner Koordinaten viel einfacher und präziser beschreiben als durch viele Worte.
Andererseits ist es aber auch wichtig, dass man sich über die Grenzen dieses Hilfsmittels im klaren ist: In engen Canyons, vor Felswänden oder unter Bäumen bekommt man keinen oder nur schlechten Satellitenempfang. Auch weist das GPS-Gerät immer nur in die Richtung der Luftlinie zu einem vorgegebenem Ziel, unabhängig davon, ob dieser kürzeste Weg durch Schluchten, Felswände oder Berge versperrt ist oder nicht. Niemals sollte man sich in eine totale Abhängigkeit vom GPS begeben. Auch bei Verlust, leeren Batterien oder einem Gerätedefekt muss man sich zu helfen wissen.

Wer sich ein GPS-Gerät zulegen will, hat die Qual der Wahl. Um eine rationale Entscheidung zu treffen, sollte man sich fragen, für was (Wandern, Bergsteigen, Segeln, Autofahren ...) man es einsetzten will. Für Wanderungen im amerikanischen Südwesten ist so ziemlich jedes GPS-Gerät ausreichend! Ich besitze seit vielen Jahren ein Garmin eTrex, benutze es ständig und bin damit überaus zufrieden.
Es ist sehr wichtig, sich die leider meist etwas knapp gehaltene Bedienungsanleitung genau durchzulesen und dann in heimischer Umgebung ausreichend zu üben. Sehr sinnvoll ist auch die Lektüre eines Buches zu diesem Thema. Das beste, das ich kenne ist: Lawrence Letham: GPS MADE EASY, Rocky Mountain Books, Calgary 2000. Wie der Titel schon vermuten lässt, ist es sehr didaktisch geschrieben und überaus praxisorientiert. Auch im Netz findet man viele nützliche Websites zum Thema GPS, z.B. www.kowoma.de.



Auf zwei Punkte beim GPS-Gebrauch möchte ich im folgenden näher eingehen, da sie immer wieder zu Verwirrung führen: das Kartendatum oder Kartenbezugssystem (engl.: map datum) und das Kartennetz (engl.: grid).

Das Kartendatum haben wir der Tatsache zu "verdanken", dass die Erde nicht exakt kugelförmig ist, sondern besser durch ein Ellipsoid beschrieben werden kann. Je nachdem, wo man sich auf der Erde befindet, sind die Abweichungen dieses Modells von den realen Gegebenheiten unterschiedlich groß. Durch Anpassen der Radien und gegebenenfalls auch einer Verschiebung des Mittelpunkts des Ellipsoids vom Erdmittelpunkt weg, kann man aber eine lokale Optimierung erreichen. Das ist der Grund, warum es so viele verschiedene Referenzellipsoide und damit auch Kartenbezugssysteme gibt.
Bei der Benutzung eines GPS-Geräts ist es daher wichtig, immer das Kartendatum einzustellen, das auch in der Legende der Karte angegeben ist, die man benutzen will. Bei den 7.5 Minute USGS Topo Maps ist es fast immer "1927 North American Datum" (NAD 27). Doch auch das ist noch nicht ganz exakt. Mein Garmin eTrex bietet mir 11 verschiedene NAD 27 zur Auswahl, deren Zusätze von Alaska bis Mexiko reichen. Falls das Datum auf der Karte nicht näher präzisiert ist, so stelle ich NAD 27 Conus ein.
Wenn man im Internet GPS-Koordinaten findet, die sich auf ein anderes Kartendatum (z.B. WGS 84) beziehen als auf das der eigenen Karte (hier NAD 27), so hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man druckt sich eine Karte mit diesem anderen Kartendatum (z.B. WGS 84) aus (s.o.) und benutzt diese, oder man rechnet die Koordinaten auf das Datum der eigenen Karte um. Das ist eigentlich ganz einfach und geht mit jedem GPS-Gerät.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Für den Zebra Slot werden folgende Koordinaten angegeben: 37°39'39'' N 111°25'02'' W, die sich auf WGS 84 beziehen. Wir aber wollen wissen, wo wir diesen Ort auf unserer Tenmile Flat Topo Map mit dem Kartendatum NAD 27 zu suchen haben. Dazu stellen wir zunächst bei unserem GPS-Gerät WGS 84 ein, geben dann die Daten ein und speichern sie als Wegpunkt ab. Dann verändern wir das Kartendatum auf NAD 27 (Conus), rufen den Wegpunkt wieder auf und erhalten 37°39'39'' N 111°24'59'' W.
Nimmt man solche Umrechnungen nicht vor, so kann man schon mal 200 m daneben liegen. In der Regel wird das nicht sonderlich dramatisch sein, sondern nur etwas Zeitverlust durch Suchen bedeuten. In der Regel...

Doch nun zum Thema Kartennetze, neudeutsch auch "Grids" genannt. Bekanntlich kann man die Lage eines jeden Punktes auf der Erdoberfläche durch die Angabe von geographischer Breite und Länge eindeutig beschreiben. Dieses System beruht auf Breitenkreisen und Längenkreisen.
Die nördliche bzw. südliche Breite wird vom Äquator aus gemessen, der per Definition die Breite 0° erhält. Am Nord- bzw. Südpol sind 90° nördlicher bzw. südlicher Breite erreicht. Ganzzahlige Breitengrade haben daher einen festen Abstand voneinander, der ca. 111 km beträgt.
Längenkreise stehen senkrecht auf dem Äquator. Der sog. "Nullmeridian" verläuft per Definition durch die Sternwarte von Greenwich (England). Ausgehend von diesem Bezugspunkt werden dann die Längengrade in westlicher und östlicher Lage gemessen, bis man bei 180° West bzw. 180° Ost wieder auf den Nullmeridian trifft. Im Gegensatz zu den Breitenkreisen haben die ganzzahligen Längenkreise natürlich nicht überall den gleichen Abstand. Dieser beträgt am Äquator 111 km, am 48. Breitengrad nur noch 74 km und an den Polen, wo sich die Längenkreise schneiden, Null. Wie viele km ein Längengrad ausmacht, ist also abhängig von der geographischen Breite. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer!
Für eine Karte wünschen wir uns nur einen Maßstab (unabhängig von der Himmelsrichtung) und ein rechtwinkliges Gitter mit gleichen Abständen zwischen den Gitterlinien. Dadurch wird es nämlich viel einfacher, eine Position (z.B. den eigenen Standort) auf der Karte einzutragen oder die Koordinaten von einem Zielpunkt auszulesen. Auch das Ausmessen von Entfernungen ist so viel genauer möglich.
Ein Kartennetz, das diesen Anforderungen gerecht wird, ist das sog. UTM-Grid. UTM steht für "Universal Transverse Mercator". Diese Art der Kartenprojektion gehört zu den sog. Zylinderprojektionen, die im 16. Jahrhundert von Gerhard Kremer, genannt Mercator, erfunden wurden. Man stellt sich dabei vor, dass die Erdkugel von einem eng anliegenden Zylinder umgeben ist auf den Strahlen, die vom Erdmittelpunkt ausgehen, die Erdoberfläche projizieren. Transversal bedeutet dabei nur, dass die Achse des Zylinders rechtwinklig auf der Erdachse steht. Wegen der extrem starken Verzerrung in der Nähe der Pole verzichtet man auf die Wiedergabe der Gebiete nördlich von 84° und südlich von 80°. Ganz so universal, wie der Name nahe legt, ist das UTM-Grid also doch nicht. Um die Verzerrung weiter zu minimieren, verwendet man einen genial einfachen Kniff: Da wo sich Kugel und Zylinder berühren, am sog. Bezugsmeridian, ist die Projektion verzerrungsfrei. Je weiter man sich von dort entfernt, desto stärker wird die Verzerrung. Man bildet daher immer nur 6° breite Streifen ab. Da der Kreisumfang 360° beträgt, gibt es also 60 solche Streifen, die Zonen genannt werden und von West nach Ost fortlaufend durchnummeriert werden. Jede Zone wird dann noch einmal horizontal in 8° hohe Sektoren zerschnitten, die mit Buchstaben bezeichnet werden. So liegt beispielsweise das südliche Utah in Zone 12 Sektor S.
Die Angabe von Koordinaten im UTM-Grid erfolgt wie in jedem rechtwinkligen Koordinatensystem durch den horizontalen bzw. vertikalen Abstand vom Ursprung. Das ist der Schnittpunkt von Zonenmeridian ("Y-Achse") mit dem Äquator ("X-Achse"). Angegeben werden Ostwert und Nordwert. Um negative Zahlen zu vermeiden, gibt man dem Mittelmeridian einer jeden Zone willkürlich den Ostwert 500.000 m und dem Äquator den Nordwert 0 m, wenn ein Ort auf der Nordhalbkugel beschrieben werden soll. Für Punkte auf der Südhalbkugel bekommt der Äquator willkürlich den Nordwert 10.000.000 m zugewiesen.
Die Umrechnung von Grad / Minuten / Sekunden auf UTM-Koordinaten können wir wie beim Kartendatum (s.o.) dem GPS-Gerät überlassen. Nehmen wir wieder das Beispiel vom Zebra Canyon (s.o.). Nachdem wir in den Einstellungen Grad / Minuten / Sekunden und WGS 84 ausgewählt haben, speichern wir 37°39'39'' N 111°25'02'' W als Wegpunkt ab. Dann verändern wir die Einstellungen auf UTM und NAD 27 Conus und erhalten bei Wiederaufrufen dieses Wegpunktes: 12S 0463266 E 4168063 N (NAD 27 Conus). Dieser Punkt liegt also 36.734 m westlich und 4.168.063 m nördlich vom Ursprung der Zone 12.

Zum Schluss noch ein Wort zur Praxis. Maßstab 1 : 24.000 bedeutet, dass 1 mm auf der Karte 24 m in der Natur entsprechen. Hat man das UTM-Gitter auf der Topo Map nicht durchgezogen, so kann man den vom GPS-Gerät gemeldeten Standort nur auf 150 – 250 m genau auf der Karte wiederfinden. Aber auch mit durchgezogenen Gitterlinien, die einem Abstand von einem km entsprechen, ist das Augenmaß manchmal noch zu ungenau. Ich habe mir daher aus Kunststoff einen rechten Winkel mit einer Kantenlänge von 42 mm (entsprechend 1000 m) hergestellt, habe Pappe aufgeklebt und auf beiden Schenkeln Markierungen im Abstand von 4 mm (entsprechend 100 m) angebracht. Dieses kleine Hilfsmittel wiegt nur wenige Gramm, ist aber extrem nützlich.

So interessant Geodäsie und GPS-Technik auch sein mögen, so sollten wir uns doch immer im klaren darüber sein, dass sie für uns Wanderer und Fotografen nur Mittel zum Zweck sind. Die innere Befriedigung ziehe jedenfalls ich aus dem Erleben der Natur und nicht der Technik!

Ich wünsche Euch allen viel Spaß beim Wandern und ein sicheres Kurshalten in allen Lebenslagen!

Peter Felix Schäfer (www.canyonwandern.de)