Canyonwandern

Lovell Wash

Liebe Freunde des amerikanischen Südwestens,

an kaum einer Stadt scheiden sich die Geister so sehr wie an Las Vegas. Für die Glücksritter der Welt ist es das Mekka zu dem sie pilgern, um dort in den Kasinos, Hotels und Bars einen ganzen Urlaub zu verbringen. In einer Umfrage wollte das Fremdenverkehrsamt von Las Vegas wissen, was Besucher von der Stadt erwarten. "Der Anblick von gefälschter Architektur lag nicht an erster Stelle", wie Freddy Langer in einem Artikel im Reiseteil der FAZ vom 09.06.2005 schreibt. "Vielmehr sehnten sich die Befragten nach dem Anstrich des Verruchten, nach Geheimnissen für Erwachsene. Sie wollten ein Paralleluniversum, in dem die Gesetze von Tag und Nacht sowie Gut und Böse aufgehoben sind und in dem die Trinität von Saufen, Sex und Spiel regiert." Oscar B. Goodman, derzeitiger Bürgermeister der Stadt, nennt Las Vegas "einen Spielplatz für Erwachsene" und das Leben dort "eine einzige große Party". - Aha, so ist das also!

Doch es gibt da noch ein paar Exoten, möchte man etwas eingeschüchtert hinzufügen, Naturfreunde, Wanderer und Fotografen, die Las Vegas nur als Sprungbrett für das Canyon Country nehmen und es ansonsten eher mit Heinrich Heine halten: "Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht." (Damit meinte H. H. allerdings die Stadt Göttingen, von deren Universität er 1821 wegen einer Duellaffäre verwiesen wurde.) Zum Glück gibt es schon wenige Meilen vor den Toren von Las Vegas auch für uns "Exoten" ein paar lohnende Ziele. Dazu gehört z. B. das wohlbekannte Valley of Fire. Ich möchte Euch heute den gar nicht so weit davon entfernt liegenden Lovell Wash vorstellen, für dessen Erkundung man etwa einen halben Tag benötigt. Zu sehen gibt es dort einen relativ kurzen, aber hübschen Slot Canyon und interessante Relikte aus der Bergbaugeschichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Aber immer der Reihe nach ...

Um zum Lovell Wash zu kommen, verlässt man Las Vegas über den Lake Mead Drive (bzw. den Lake Mead Blvd.) in Richtung Osten und fährt dann auf dem Northshore Drive in die Lake Mead National Recreation Area . Wenn man an dem Abzweig zur Callville Bay vorbeikommt, sollte man langsam anfangen, auf die Meilen-Schilder am Straßenrand zu achten. Gleich nach Mile Marker 16 biegt man links auf die Callville Wash North Road ab und parkt 0,2 Meilen weiter. GPS: 07 08 169 (E), 40 08 173 (N), NAD27. – Ein anderer günstig gelegener Ausgangsort für diese Wanderung ist die kleine Ortschaft Overton (östlich des Valley of Fire State Park), wo es ein Best Western Motel gibt. Oder aber man campt auf dem Zeltplatz an der Echo Bay.
Im Callville Wash geht man nun etwa 100 m nach Nordost und sieht dann ein von Norden einmündendes Bachbett. Hier beginnt eine alte Dirt Road, der wir nun immer in Richtung Nordwesten folgen (zahlreiche Reifenspuren, teilweise auch im Wash). Wenn man nach ca. 1,5 km ein großes Schild sieht, das die Ore Car Mine ankündigt, dann ist man richtig. Ein Blick auf die Topo Map (Callville Bay Quadrangle) zeigt, dass wir uns in einem alten Bergbaudistrikt befinden, denn überall sind "Prospects" (Schürfstellen) verzeichnet. Schon von hier kann man zwei Stolleneingänge auf dem Hang im Südwesten erkennen. Nach etwa 2,5 km macht der Weg eine Rechtskurve und führt direkt in den Lovell Wash hinab.






Benannt wurde dieser Canyon nach F. M. Lovell, der hier 1921 Colemanit entdeckte. Das ist ein (auch heute noch) wichtiges Borat-Mineral, das u. a. zur Herstellung von Borax (für Gläser, Glasfasermatten etc.) und Natriumperborat (Bleichzusatz in Waschmitteln) dient.
Nur wenige Minuten canyonaufwärts (Norden) erreicht man die Anniversary Mine, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist. Von 1922 - 1928 wurden hier große Mengen Colemanit gefördert, doch wurde der Abbau eingestellt als in Kalifornien leichter abbaubare Vorkommen entdeckt wurden.
Zuerst sieht man die Überreste einer abgebrannten Verladestation, dann zwei Tunnel, durch die die Erzwagen zur Rampe geschoben wurden. Als nächstes fallen einem die Reste eines Dammes und ein völlig verschütteter Stolleneingang auf. Etwa 250 Meter weiter ist man dann am etwas erhöht gelegenen "Haupteingang" der Mine angekommen. GPS: 11S 07 06 393 (E), 40 10 395 (N), NAD 27. Der dort austretende Luftstrom bringt an heißen Tagen eine höchst willkommene Abkühlung.
Das Betreten alter Minen ist gefährlich! Wer es trotzdem macht, handelt auf eigenes Risiko. Sieht man von der Decke herabgestürztes Gestein oder viel zur Absicherung verbautes Holz, dann sollte man besser umkehren. Niemals darf man auf Bretter treten, mit denen Gruben abgedeckt sind, oder sich Leitern anvertrauen, die zu höher- bzw. tiefer gelegenen Gängen führen. Häufig ist das Holz völlig verrottet, ohne dass man das auf den ersten Blick sieht.
Ich frage mich, was eigentlich den verführerischen Reiz dieser alten Bergwerke ausmacht? Ist es nur Neugier und Entdeckerdrang, die uns die Unterwelt betreten lassen, oder vermuten wir hier vielleicht doch "Geheimnisse für Erwachsene", gar "das Paralleluniversum, in dem die Gesetzte von Tag und Nacht aufgehoben sind"?








Viel sicherer zu begehen sind jedenfalls (bei stabiler Wetterlage) die Narrows des Lovell Wash, die nur wenige hundert Meter weiter beginnen. Erst wenn man kurz davor steht, sieht man, dass hier ein Slot Canyon beginnt. Auch wenn diese Engstellen nur etwa 400 Meter lang sind, so sind sie doch durch die vielen Kehren, die interessante Schichtung und die helle Farbe des Gesteins recht hübsch. Die beste Zeit zum Fotografieren sind der Vormittag und der Nachmittag, wenn im reflektierten Licht Teile des Canyons regelrecht zu leuchten beginnen. Die Mittagszeit ist wegen des direkt einfallenden Lichts dagegen ungeeignet. Stativ und Weitwinkelobjektiv sollte man nicht vergessen. Die Begehung dieses Slots bereitet keinerlei Probleme und ist sicherlich auch für Kinder ein großer Spaß.

Bleibt eigentlich nur noch zu erwähnen, dass wir auf dieser Wanderung nicht einen einzigen der zwei Millionen Bewohner / Besucher von Las Vegas getroffen haben. Man war wohl gerade mit der "Party im Paralleluniversum" beschäftigt.- Mir war's sehr recht!

Ich wünsche Euch allen viel Spaß beim Wandern und ein sicheres Gelingen aller Eurer Unternehmungen, in welchem Universum auch immer!

Peter Felix Schäfer (www.canyonwandern.de)