Canyonwandern

Trekking

Liebe Freunde des amerikanischen Südwestens,

"Abends will ich duschen, dann ein schönes Dinner genießen, den Tag mit einem kühlen Bierchen ausklingen lassen und schließlich in einem weichen Bett in einen erholsamen Schlaf fallen. Und einen schweren Rucksack schleppen, das ist schon überhaupt nicht mein Ding!" So oder so ähnlich habe ich immer wieder Wanderer reden hören, wenn das Gespräch auf Trekkingtouren kam. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich verstehe das! Auch ich weiß den Komfort der Zivilisation zu schätzen und kann daher auch dem Day Hiking viel abgewinnen. Und doch hat auch das mehrtägige Wandern seinen ganz eigenen Reiz, den ich Euch heute etwas näher bringen möchte.

Was also ist es, das Trekker Entbehrungen auf sich nehmen und nicht selten auch nach ihrem Hobby regelrecht süchtig werden lässt? Ich glaube, eine ganze Reihe von Gründen ist dafür verantwortlich: Zunächst einmal erweitert Trekking natürlich den eigenen Aktionsradius auf ein Vielfaches. Damit wird es möglich, auch abgelegene Ziele zu erreichen, die selbst den konditionsstärksten Tageswanderern für immer verborgen bleiben werden. Rundtouren und Streckenwanderungen bieten sich dafür genauso an wie das Erkunden einer Gegend von einem Basislager aus. Von Ausnahmen abgesehen bedeutet dies aber auch, dass man über Tage die meiste Zeit allein (oder zu zweit) sein wird. Ganz automatisch beginnt man dadurch die Natur viel intensiver wahrzunehmen. Trifft man dann nach einigen Tagen wieder auf Menschen, so freut man sich und begegnet seinen Mitmenschen viel aufgeschlossener als vorher. Jedenfalls ist es mir immer so ergangen. Trekking verändert aber auch ein bisschen die Persönlichkeit, so komisch das jetzt vielleicht klingen mag. Je länger man in der Wildnis unterwegs ist, desto mehr spürt man eine innere Ruhe und ein ganz ungewohntes Gefühl von Selbstbestimmtheit und Freiheit. Die Zwänge und Sorgen des Alltags geraten in Vergessenheit, an ihre Stelle treten fundamentalere Fragen, wie z. B. die Suche nach Wasser oder einem geeigneten Lagerplatz. Auch der (zeitweilige) Verzicht auf jeglichen Luxus ist eine interessante Erfahrung, schärft den Blick für das wirklich Wichtige und schafft Verständnis für diejenigen in unserer Welt, die nicht das große Los gezogen haben.



Die atemberaubend schönen Landschaften des amerikanischen Südwestens sind nicht gerade das einfachste Trekkinggebiet, denn schließlich gibt es außerhalb der Nationalparks vergleichsweise wenig Wanderwege und schon gar nicht bewirtschaftete Hütten wie im Alpenraum oder Selbstversorger-Hütten wie in Australien oder Neuseeland. Man wird also in der Regel Proviant und Campingausrüstung selbst über Stock und Stein tragen müssen. Nur an wenigen "Hot Spots" wird (gegen gutes Geld) der Transport von schwerer Ausrüstung durch Pferde, Lamas oder Ziegen angeboten. Den Komfort einer Begleitmannschaft, wie man ihn vielleicht aus Nepal, Peru oder Tansania gewohnt ist, wird man freilich vergeblich suchen.

Trekking-Neulingen möchte ich daher raten, es zunächst einmal ganz gemütlich mit "Car Camping" angehen zu lassen. Man schlägt sein Zelt direkt am Trailhead neben dem Auto auf (wenn das erlaubt ist), spart 50 Dollar (oder mehr) für das Motel und kann am nächsten Tag früh aufbrechen. Die erste richtige Trekkingtour sollte nicht mehr als zwei Nächte umfassen. Vielleicht findet sich ja eine schöne Wanderung, die in nur 3 oder 4 Stunden zu einem geeigneten Basecamp führt, von wo man am nächsten Tag einen Ausflug mit leichtem Gepäck machen kann. Am dritten Tag geht es dann auf bekanntem Weg wieder zurück in die Zivilisation.



Mit der Zeit kommt die Erfahrung, die Touren werden länger und man lernt die eigenen Grenzen kennen. Diese sind übrigens nicht unveränderlich. Mit regelmäßigem, überlegtem Training kann man Dinge erreichen, die man sich früher nie zugetraut hätte. Je weiter man sich aber von der Zivilisation entfernt, desto wichtiger werden gute Planung und umsichtige Durchführung der Tour. In diesem Zusammenhang möchte ich daher nicht versäumen, auf zwei andere Berichte hinzuweisen: „Kurs halten!“ und „Don’t die out there!“
Die Bedeutung der Ausrüstung hingegen wird von Trekking-Einsteigern, ähnlich wie von vielen Hobbyfotografen, gern überschätzt. Natürlich ist es sehr wichtig, nichts Essentielles zu vergessen, doch ein modisches Outfit, die neuesten Materialien und teure Hightech-Wunder, endlose Themen von Zeitschriften, die sich hauptsächlich durch Werbung finanzieren, sind völlig belanglos. Wichtig sind allein Funktionalität, Zuverlässigkeit und Gewicht. Was wohl haben John Wesley Powell und seine Begleiter bei ihrer ersten Bootsfahrt durch den Grand Canyon mitgenommen?

Die ultimativen Trekking-Abenteuer in den USA sind die "Long Distance Hikes": Appalachian Trail (2167 Meilen), Pacific Crest Trail (2650 Meilen) und der Continental Divide Trail (ca. 3100 Meilen) bilden zusammen die sog. "Tripple Crown". Der echte "Thru-Hiker" beginnt im zeitigen Frühjahr in Georgia bzw. an der Grenze zu Mexiko und erreicht im Spätherbst Maine bzw. die Grenze zu Kanada. Zu diesem Thema gibt es ein sehr humorvolles Buch von Bill Bryson, das ich nachdrücklich zur Lektüre empfehlen möchte: Picknick mit Bären. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1999. Einer der amerikanischen Pioniere des Weitwanderns war Colin Fletcher, der 1963 als erster Mensch den Grand Canyon der Länge nach durchwanderte. Sein Buch über dieses Abenteuer ("Wanderer durch die Zeit. Allein im Grand Canyon. Eine Entdeckungsreise". Diana Verlag, München und Zürich, 2000) ist ein Klassiker geworden und auch heute noch lesenswert.



Den Rest der Welt sollte man natürlich auch nicht ganz aus den Augen verlieren, denn auf allen Kontinenten gibt es phantastische Möglichkeiten zum Trekking. Ganz nebenbei kommt man so mit einer Vielzahl von Völkern und Kulturen in Kontakt und lernt manches mit anderen Augen zu sehen. Früher oder später aber wird man wieder den Ruf der Wildnis in sich verspüren und in die stillen Canyons des amerikanischen Südwestens zurückkehren.

Und wenn eines Tages dem Alter Tribut zu zollen ist und Hüft- oder Kniegelenke nicht mehr richtig wollen, dann gibt es immer noch die Möglichkeit, z.B. auf „Kanutrekking“ oder „Kameltrekking“ auszuweichen.




In diesem Sinne wünsche ich Euch den Mut, neue Wege zu gehen, viel Spaß beim Day Hiking oder Backpacking und natürlich ein sicheres Gelingen aller Eurer Unternehmungen!

Peter Felix Schäfer (www.canyonwandern.de)